Lesung mit Finn Ole Heinrich

Lesung von Finn-Ole Heinrich in der Georg-Goldstein-Schule
am 7. November 2019

Dorothee Scheurer

Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, Filmemacher und Drehbuchautor Finn-Ole Heinrich las Schülern der Georg-Goldstein-Schule in Bad Urach vor und beantwortete ausführlich ihre Fragen. Die Veranstaltung kam in Kooperation mit der Buchhandlung am Markt zustande.

„Räuberhände“ (btb Verlag) ist wohl sein bekanntestes Buch. Es war zwei Jahre lang in Hamburg Deutsch-Abitur-Thema. Es wurde fast 100 000 Mal verkauft. Dieses stellte er am Vormittag in der vollbesetzten Aula der Schule vor.

„Räuberhände“ erzählt die Geschichte von Samuel und Janik. Seit der Schulzeit kennen sie sich und eine langjährige Freundschaft verbindet die zwei Jungen. Janik stammt aus einem sehr behüteten Elternhaus. Sein Freund Samuel hat hingegen nicht so viel Glück im Leben: Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholkrank und hält sich tagsüber im Obdachlosenmilieu auf. Da Samuel oft allein ist, verbringt er viel Zeit bei der Familie von Janik. Dessen Eltern nehmen ihn wie einen Sohn auf. Sie halten Samuel für den „perfekten“ Sohn. Er wohnt und schläft mehr bei ihnen als in seinem eigentlichen Zuhause. Als Samuel erfährt, dass sein Vater Türke gewesen sein soll, begibt er sich auf Spurensuche nach seiner Identität.

Er lernt türkisch, tanzt wie ein Türke und gestaltet die Laube „Stambul“ im Schrebergarten wie eine deutsch-türkische Begegnungsstätte. Nach dem Abitur fahren beide zusammen nach Istanbul. Bei seinen Recherchen in Istanbul hat der Autor Finn-Ole Heinrich die Geräusche der Stadt auf ein Tonband aufgenommen. Smartphones gab es damals noch nicht. Für ihn war es wichtig, beim Schreiben ein Gefühl für die Stadt zu bekommen.

Die Hintergrundgeräusche der Stadt begleiten auch die Schüler als Finn-Ole Heinrich sie beim Vorlesen durch verschiedene Szenen zusammen mit Janik und Samuel durch Istanbul führt.

Nicht nur die Geschichte um Janik und Samuel fasziniert die Schüler. Im Anschluss löchern sie den Autor mit zahlreichen Fragen. Besonders interessiert sie das Leben eines Schriftstellers.

Zum Schreiben kam Finn-Ole Heinrich eher zufällig: Als er 17 Jahre alt war, fuhren seine beiden besten Freunde ins Schullandheim. Heinrich langweilte sich und las ein Buch. Da war es für ihn nicht weit, auch Geschichten zu schreiben. Allerdings war der heutige Autor damals beim Kreativen Schreiben der Schlechteste in der Klasse. Vorher hatte er sich um ein Stipendium beworben. „Schreiben kannst du nicht“, meinten zwei seiner Lehrer und rieten ihm dringend, vom Schreiben die Finger zu lassen. Trotzdem bekam er das Stipendium. Später studierte er an der Filmhochschule in Hannover.

Durch das Filmen kam er zum Drehbuchschreiben. Für das Drehbuch von „Räuberhände“ wurden er und Gabriele Simon mit dem Thomas-Strittmatter-Preis ausgezeichnet. Der Film kommt nächstes Jahr ins Kino. Es gibt auch ein Theaterstück über das Buch, das seit 2013 im Hamburger Thalia-Theater aufgeführt wird. Im Sommer wurde im LTT in Tübingen das Theaterstück „Frerk, du Zwerg!“ aufgeführt, für das Buch bekam er 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Die Schüler wollen wissen, durch was er seine Ideen bekommt. Der Autor lässt sich jeden Tag von Vielem inspirieren. Im Radio, im Zug, bei einer mitgehörten Unterhaltung kann er seinen „Ideenmuskel“ trainieren.

„Manchmal habe ich einen besonderen Ton für eine Geschichte. Da kann ich nichts anderes lesen. Sonst verliere ich das Gefühl dafür und bekomme es schwierig zurück“, erzählt er von seiner Schreibtätigkeit.

Bei der zweiten Veranstaltung am Abend liest Heinrich aus seinem neuesten Buch „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ vor. Fünf Jahre Arbeit stecken darin. „So lange habe ich für kein anderes Buch gebraucht“, meint er. Besonders freut ihn, dass es zu den 25 schönsten Büchern des Jahres 2019 laut Stiftung Buchkunst gehört.