Projekt „Schwäbische Auswanderung“

Schwäbische Auswanderung nach Bessarabien und in die USA

Ein Stückchen europäischer Geschichte wieder erleben – Das war das Motto der 8 Schülerinnen der Georg-Goldstein-Schule, die vom 20.09. bis 25.09.2021 die Chance hatten, Einblicke in die deutsche Auswanderungsgeschichte zu gewinnen. Das Thema des von Hanna Seise und Alexandros Ntinas geleiteten Projekts, lautete: „Bessarabien – interkulturelle Brücke zwischen Deutschland und der Ukraine“. In dem Tagungszentrum der evangelischen Akademie Bad Boll erhielten die Schülerinnen die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zur Zeit der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts kam es durch den Ausbruch des Vulkans „Tambora“ in Indonesien weltweit zu Missernten. Aufgrund dieser Tatsache waren die Lebensumstände in Deutschland katastrophal. In den Hungerjahren wurden zum Beispiel die Brote für den gleichen Preis immer kleiner, wodurch man sie auch Hungerbrote nannte. Zudem wurden sie oft mit Rinde und Gras gestreckt, um Mehl zu sparen. Der russische Zar Alexander I., der dem Land neue Impulse zur Weiterentwicklung geben wollte, versprach den Schwaben unter anderem ca. 60 ha Land, Religions- und Steuerfreiheit sowie die Befreiung von der Wehrpflicht. Diese Privilegien erachteten viele als äußerst attraktiv und gingen in das versprochene Ungewisse. Es war die Hoffnung auf eine neue Heimat im Südosten Europas oder in den USA, die die Schwaben überzeugte, aufzubrechen. Die Reise in die heutige Ukraine, die oft über die Donau mit sogenannten „Ulmer Schachteln“ oder mit dem Pferdewagen stattfand, war mit einigen Strapazen und vielen Toten verbunden. Angekommen in Bessarabien wurde klar, dass sich vieles als schwieriger herausstellte als im Voraus gedacht. Statt grünen Wiesen wie auf der Schwäbischen Alb, fanden sie nur trockene Steppe, jedoch mit fruchtbarem Boden. Obwohl Werkzeug zur Landwirtschaft und zum Hausbau fehlte und nicht alle Versprechen des Zaren erfüllt wurden, sind die Schwaben von den dortigen Ethnien Bulgaren, Rumänen und Ukrainern herzlich aufgenommen worden. In den deutschen Dörfern in Bessarabien herrschte ein freundliches und friedliches Miteinander und die schwäbische Kultur wurde fortgeführt. Ganz anders verlief die Auswanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika. So mussten die Migranten ihr ganzes Hab und Gut verkaufen, um sich die Schifffahrt leisten zu können. Da die Überfahrt in die USA bis zu 6 Wochen dauerte, breiteten sich an Bord infektiöse Krankheiten aus und einige mussten unter Quarantäne gesetzt werden. Später verkürzte sich die Überfahrt auf Grund des technischen Fortschritts auf 8 Tage. Nicht selten wurde die Vorstellung vom „American Dream“ und vom Tellerwäscher zum Millionär in Büchern zu verlockend und nicht wahrheitsgetreu dargestellt. Ein Stückchen Heimat braucht jeder: sowohl die Auswanderer als auch die Einheimischen. Die gewohnten Traditionen wurden in der neuen Heimat trotzdem weitergeführt und deutsche Feste wurden sowohl in Bessarabien als auch in den USA von der dortigen Bevölkerung gerne besucht. Während des Projekts stellten die Schülerinnen fest, dass Migration und Heimatverlust aus unterschiedlichsten Gründen global verankert und ein zeitloses Phänomen ist. Außerdem verdeutlichte das Projekt, dass Auswanderung nicht nur in anderen Ländern stattfindet, sondern früher auch in Deutschland eine zentrale Rolle spielte. Es berührt die Projektteilnehmer deshalb, weil viele Großeltern selbst Auswanderung erfahren haben und davon Geschichten erzählen. Da sich die Schülerinnen die ganze Woche mit dem Thema Kultur beschäftigten, war schnell klar, dass sie die eigene, schwäbische Kultur näher kennenlernen mussten. Deshalb stand der Fokus auf dem schwäbischen Volkstanz. Die traditionellen schwäbischen Volkstänze waren für viele der jungen Menschen Neuland. Umso spannender war es, einen Einblick zu bekommen, wie das Leben vor mehr als 100 Jahren ausgesehen hat. Es fanden insgesamt drei Museumsbesuche statt. Neben dem Besuch des Heimatmuseums der Bessarabiendeutschen in Stuttgart und des Reutlinger Heimatmuseums, führte der Betzinger Bezirksbürgermeister Herr Friedemann Rupp die interessierten Schülerinnen durch das Museum ‚Im Dorf‘ Betzingen und sie schauten sich die bunten Trachten an und konnten sie an den Tanzabenden anziehen. Unter der Leitung von Herrn Markus Walker von der Betzinger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins ließen sich die Schülerinnen voller Begeisterung auf den Tanz ein. Mit viel Freude studierten sie die Tänze „Metzinger und Topporzer Kreuzpolka“, „Der Ziegler auf der Hütt“ und „Eins, Zwei, Drei, Vier“ ein und konnten bereits nach dem ersten Tanzabend tänzerische Fertigkeiten unter Beweis stellen. Die Schülerinnen waren umso erstaunter, wie viel Spaß es machen kann, Volkstänze zu tanzen und wie schnell sie die Musik und den Takt verbinden konnten. Stolz präsentierten die Schülerinnen ihr Gelerntes am 05.10.2021 im Foyer der Georg-Goldstein-Schule in Bad Urach. Besonderer Dank geht an den Bessarabiendeutschen Verein und vor allem an Herrn Dr. Knopp, der solche für die Schüler unvergessliche Begegnungen zwischen den deutschen Schülerinnen und Schülern und den ukrainischen Studenten möglich macht. Denn die Vergangenheit ist das Fundament für die Gegenwart und die Zukunft können wir erst dann gestalten, wenn wir uns der Vergangenheit bewusst sind.