Vita – Georg Goldstein

Die Mehrheit der beruflichen Schulen im Lande trägt mittlerweile einen über die verwaltungstechnische Bezeichnung  – also etwa „Kaufmännische Schule“ – hinausgehenden Schulnamen, der das Profil der Schule mit dem Lebenswerk einer namhaften Persönlichkeit in Verbindung zu bringen sucht. Im Zuge der Einweihung des Neubaus der Kaufmännischen Schule in Bad Urach hat die Schule gemäß dem Wunsch des Lehrerkollegiums und der Schulkonferenz nun auch einen neuen Namen erhalten. Kein schillernder Name – etwa der eines Staatsoberhauptes, verdienten Wirtschaftspolitikers, Nobelpreisträgers – hat dabei das Rennen gemacht, vielmehr soll mit Georg Goldstein, dem Bauherrn des Hauses auf der Alb und langjährigen Direktor und Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) ein Erinnerungswürdiger buchstäblich dem Vergessen entrissen werden.

Der Name Georg Goldstein drängt sich also nicht auf; der aufmerksame Zeitgenosse könnte auf ihn „stoßen“ in des Wortes doppelter Bedeutung, indem er auf den „Stolperstein“ aufmerksam wird, der 2009 vor dem Haus auf der Alb in den Boden eingelassen wurde – einer jener bundesweit mittlerweile über 20.000 pflastersteingroßen Messingblöcke, die im Rahmen dieser Aktion an Opfer des Holocaust erinnern sollen, meist vor Häusern oder Wirkungsstätten ihrer einstigen Bewohner. Georg Goldstein hat nicht im Haus auf der Alb gewohnt, aber ohne sein außergewöhnliches Engagement stünde es dort nicht. Der „Stolperstein“ misst seinen Lebensweg vom Ende her: Er wurde im August 1943 im KZ Auschwitz ermordet.

Der 1877 in Breslau geborene Volkswirt Dr. Georg Goldstein geriet 1912 mit der Übernahme der Führung in der 1910 gegründeten DGK an eine Lebensaufgabe. Seine Vision:  Ein Netz von „Kaufmannserholungsheimen“ zu schaffen, kein „Wohlfahrtsunternehmen“ indessen, sondern eine „Selbsthilfeorganisation“ eines „Standes“, der, anders als die gewerkschaftlich organisierten gewerblichen Arbeitnehmer, den sozialen Verwerfungen der ausgehenden 20er Jahre schutzlos ausgeliefert schien und mithin Gefahr lief, den Demagogen von rechts auf den Leim zu gehen. Organisationen und Aktivitäten wie die der DGK dürfen hier als ein – freilich bescheidenes und in ihrer Wirksamkeit begrenztes – Korrektiv angesehen werden. Dennoch bleibt es ein Verdienst Goldsteins, diese Problemlage treffend analysiert zu haben.

Bis zu seiner von den Nazis erzwungenen Entlassung 1933 wurden unter Goldsteins Leitung innerhalb von nur 11 Jahren deutschlandweit und ausnahmslos in pittoresken Lagen 43 große Häuser gekauft oder – so wie im Falle Urachs – neu erbaut, womit 1930 über 5.000 Betten verfügbar waren, die allein in diesem Jahr von 43.589 Gästen an nahezu 600.000 Verpflegungstagen belegt waren. Da ein solches Investitionsvolumen nicht mit Mitgliedsbeiträgen zu stemmen war, akquirierte Goldstein Stiftungskapital in beträchtlichem Umfang, suchte sich allerorten namhafte Unterstützer; so gehörten etwa Robert Bosch oder, vor Ort in Urach, Robert Kempel zu den prominenten Förderern. Dass das von dem Stuttgarter Bauhaus-Architekten Adolf G. Schneck nach Goldsteins Intentionen erstellte Haus auf der Alb heute nicht nur ein Baudenkmal ist, sondern mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg eine Institution beherbergt, die der politischen Bildungsarbeit im Rahmen der freiheitlich-demokratischen  Ordnung unseres Landes verpflichtet ist, wäre sicher im Sinne seines liberalen, stets republikanisch gesinnten Erbauers gewesen.

Hans-Peter Kuhnle

 

2018 erschienen:

„Georg Goldstein – Zur Erinnerung. Auf den Spuren von Georg Goldstein. Dokumentarfilm“

von der Initiative Wiesbadener Medienzentrum e.V.

Der Film kann in der Schule angesehen werden.

Dr. Georg Goldstein (Privatbesitz)

 

Stolperstein vor dem Haus auf der Alb (LpB Baden-Württemberg)

Die Eheleute Goldstein (LpB Baden-Württemberg)

 

Das Haus auf der Alb heute (LpB Baden-Württemberg)