Sonntag 05.05.2019

Wir beginnen unsere Studienreise etwa dreieinhalbtausend Kilometer, 50 Autostunden oder 5 Flugstunden in Mitten des Uralgebirges, in Jekaterinburg. Heitere Gesichter, als wir auf unsere russischen Partner treffen. Für vier der neun Reisenden ein Wiedersehen mit alten Freunden; für alle der Auftakt zu einem intensiven Studienprogramm zum Thema „Mensch und Landschaft“ rund um die Metropole.

Die besondere geografische Lage der Stadt lieferte tags darauf den Startpunkt des Projektes: die Asiatisch-europäische Grenze. Etwa 30 Kilometer westlich von Jekaterinburg betreten wir gleich am ersten Tag bereits wieder europäischen Boden. Eingebettet in eine schauspielerische Inszenierung führten russische Studierende uns in Geschichte, Legenden und geologische Besonderheiten des Ural ein. Neue Freundschaften waren bereits geschlossen, als wir dann mit frisch gebackenem Brot und Salz – traditionell korrekt – in Asien willkommen geheißen wurden.

Im Anschluss stand das Stadtzentrum im Fokus. Studierende der Pädagogischen Hochschule Jekaterinburg führten uns durch einen Spaziergang entlang der bedeutendsten kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten. Jede Station angereichert durch einen Impulsvortrag der Studierenden. Eindrücke aus der Zarenzeit oder Denkmäler zu den dunklen Kapiteln der deutsch-russischen Beziehung wurden in ebenso herzlicher Atmosphäre bearbeitet, wie der typisch russische Baustil mit seinen zahlreichen Zwiebeltürmen und christlich-orthodoxen Einflüssen.

Wir freuen uns auf die nächsten Tage uns sind begierig auf Neues.

Delayet eto khorosho! Und Viele Grüße ins Ermstal.

Montag 06.05.2019

An unserem zweiten Tag in Jekaterinburg haben wir die Pädagogische Universität Jekaterinburg besucht, an dem die Studenten, mit denen wir unseren Austausch machen, studieren. Es war sehr interessant zu sehen, dass die Universität einer Schule in Deutschland sehr ähnelt. Allerdings ist es sehr merkwürdig, in eine Universität zu kommen, in der Sicherheitsmänner überwachen, wer das Gebäude betritt.
In der Universität haben die Studenten uns eine Führung durch das Gebäude gegeben. Sie haben einen Raum, den sie als deutsches Zentrum bezeichnen, in dem der deutsche Unterricht abgehal-ten wird. Die Universität ist in verschiedenen Fakultäten aufgebaut und besitzt auch ein paar Mu-seen. Zwei dieser durften wir besuchen. Eines der biologischen Fakultät, in dem man viele Tiere begutachten kann; ausgestopft oder konserviert. Das zweite Museum behandelt den afghanischen Krieg, der von 1979 bis 1989 tobte. Es werden auch persönliche Geschichten von russischen Solda-ten erzählt: ehemalige Studenten der Universität, von denen nur wenigen den Krieg überlebten.
Zum Abschluss haben wir noch ein sehr leckeres Essen in der Mensa gegessen.

Dienstag 07.05.2019

Um neun Uhr morgens wurden wir von den Studenten empfangen. Mit dem Bus ging es dann etwa eine halbe Stunde in eine Stadt außerhalb von Jekaterinburg, namens Verchnjaja Pischma. Es war zwar etwas holprig, aber wir haben es alle heil überstanden. Das man in der anderen Stadt war hat man sofort gemerkt, weil überall neue Gebäude standen und die Straßen waren auch besser. Auf dem Weg zu dem Unternehmen UGMK (Uralskaja Gorno-Metallurgitscheskaja Kompanija) erhielten wir durch den Außenbereich des firmeneigenen Museums bereits erste Eindrücke. Vor dem Eingang wurden wir dann von einer sehr netten Dame begrüßt, die uns durch das Museum führte.

In diesem Raum haben wir alles gesehen, was das Unternehmen herstellt und wo es engagiert ist. Vom Bergbau bis zum fertigen Metallerzeugnis konnten wir durch das Museum den gesamten Produktionsprozess nachvollziehen. Interessant war auch, dass die Firma eine eigene Sportmannschaften hat. Ebenso hat das Museum auch viele einzigartige Sachen. Zum Beispiel: einen eigenen Stern, die Olympiafackel von Sochi und Meteoritenstücke von Chelyabinsk.

Nach der Führung sind wir ins Auto- und Militärmuseum nebenan gelaufen. Zuerst mussten wir durch die militärische Abteilung laufen, wo man verschiedene Panzer, Flugzeuge und andere militärische Ausrüstungen gesehen hat. Angekommen im Museum hat uns ein junger Mann empfangen. Die Tour ging durch das ganze Automuseum, wo man die Geschichte vom ersten Auto bis zu den heutigen sehen konnte.

Am Nachmittag stand ein Bergwerkmuseum auf dem Plan. Der Fahrer lenkte uns in ein altes, abgelegenes Dörfchen des Umlandes der Metropole.

Die Führung begann im eigenen Museum. Dort haben wir viel über die Entdeckung vom Gold in Russland und den besonderen geologischen Stellenwert des Uralgebirges gelernt.

Nach der Präsentation sind wir dann in einen echten, ausgedienten Schacht abgestiegen. Die Erfahrung untertage war ebenso interessant wie erfrischend. Eine Erfrischung von vielleicht 5 Grad Celsius. Das absolute Highlight war die Fahrt mit einer echten Lore durch den Schacht.

Mittwoch 08.05.2019

Wir begannen den Tag gewohnt mit einem Frühstück im Hotel. Von dort aus ging es in das Geologisches Museum Ural. Die Studenten haben für uns eine interessante Führung vorbereitet. Sie erzählten uns über Mammutfunde in Russland oder erzählten über Gesteinsarten wie etwa Malachite, deren Vorkommen sich dem Ende neigen.

Im Anschluss an die Führung ging es zum Deutschen Generalkonsulat, welches sich seit Ende 2019 im 28. Stock des Vyssozki Wolkenkratzers befindet. Nach Metalldetektor und Schleuse befanden wir uns wieder kurzzeitig auf deutschem Boden. Hier empfing uns Frau Kanzlerin Altmann, mit welcher wir über das Austauschprojekt und die Bedeutung der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sprachen. Einhellige Meinung: Projekte wie unseres bilden „Brücken“ über Ländergrenzen hinweg und sind gerade in Zeiten von Sanktionen und Sand im Getriebe der Diplomatie von besonderer Wichtigkeit. Neben interkulturellem Austausch erweiterten solche Reisen den geistigen Horizont und bauten Vorurteile, so Altmann.

Zum Abschluss des Tagesprogramms ging es noch ein paar Stockwerke höher. Die Dachterrasse bot eine wunderbare Aussicht über Jekaterinburg und eine tolle Selfie-Kulisse. In einer Höhe von 186 Metern schwenkte der Blick über die Blutskirche, Siedlungsreihen aus Sowjet-Zeiten wie konstruktivistische Bauten.

Donnerstag 09.05.2019 (überarbeitet)

Heute, der 9. Mai ist ein besonderer Tag: der Tag des Sieges. Der Nationalfeiertag des russischen Sieges über Nazi-Deutschland wird zu Ehren der Gefallen und zum Gedenken der Schrecken dieses dunklen Kapitels, dem 27 Millionen Russen zum Opfer fielen, abgehalten.
Um 09:00 Uhr waren wir mit unseren russischen Freunden vor dem Hotel verabredet. Zusammen sind wir dann zu einer der typischen Paraden gefahren. In den Großstädten finden Paraden statt, in denen verschiedene militärische Waffengattungen und die Stärke der Streitkräfte vorgeführt werden. Überall in den Straßen Menschen, die Fotografien ihrer verstorbenen Verwandten auf Schildern tragen, die überwiegend als Soldaten gedient haben. Während die Zuschauer der Parade mit Jubelrufen aktiv am Geschehen teilnehmen.
Einen geeigneten Platz für eine Truppe von mehr als 10 Leuten zu finden, ist ziemlich schwer. Wir haben lange gesucht bis wir fündig wurden.
Auf der Hauptstraße von Jekaterinburg, der Leninerstraße, ging es um 10:00 Uhr los. Zuerst wurde eine Rede gehalten, dann einige Schüsse abgefeuert und als letztes wurden die Motoren der Fahrzeuge gestartet. Hinter den vielen Fahrzeugen schritten die Angehörigen der Kriegsveteranen.
Leider regnete es zwischendurch immer wieder, aber das war nicht weiter schlimm.
Nach der Parade wollten wir dann Soldatenbrei essen (Grießbrei mit geschmortem Fleisch), aber wir mussten feststellen, dass dieser erst um 13.00 Uhr serviert wird,  wir hatten zu dem Zeitpunkt aber erst ca. halb 12. Daraufhin haben wir beschlossen in eine Bäckerei, gleich nebenan, zu gehen. Mit gesättigten Bäuchen liefen wir dann wieder in die Innenstadt, wo wir eine Übertragung der Parade in Moskau über einen großen Bildschirm verfolgten.
Nach der Übertragung, sind wir alle zusammen zum Greenwich, dem zentralen Einkaufszentrum der Stadt, spaziert.

12.00 – 18.00 Uhr:
Nach einer kurzen Auszeit zentralen Shoppingcenter „Greenwich“ füllten wir unsere hungrigen Mägen in einem McDonalds; mittlerweile auch Bestandteil russischer Kultur, dachten wir 😉.
Spontan ließen wir uns von einem Horrorlabyrinth locken. Aber allein? Nein, danke! Von draußen konnte man schon Schreie hören – echte Schreie. Ergo: Dreiergruppen. Die Angst und Nervosität schwollen während der Wartezeit doch merklich an. Schließlich haben wir das Gruselkabinett kaum betreten als auch wir uns die Kehle aus dem Hals schrien. Als wir endlich den Ausgang fanden, brauchten wir geraume Zeit, um die Schocks zu verarbeiten.
Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Jelzin Center, einem Kultur- und Bildungszentrum mit eingebundenem Museum zu Ehren des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Der gebürtige Jekaterinburger war nach dem Zerfall der Sowjetunion der erste Präsident der Russischen Föderation von 1991 bis 1999.
Anschließend setzten wir uns nach draußen und genossen die atemberaubende Aussicht auf den Damm „Plotinka“, der mitten in der Stadt den Fluss Iset aufstaut und heute ein Forum für flüchtige Begegnungen in Downtown ist. Dunkle Wolken kamen auf und wir liefen zum Passasch. Auf dem Weg dorthin fing es an zu gewittern und die Regelwolken nahmen unsere Verfolgung auf. Aber wir waren schneller…

Donnerstag abends

Zur Feier des heutigen Tages gab es am Abend ein schönes Feuerwerk im Zentrum von Jekaterinburg, welches wir zusammen mit den Studenten anschauten. Danach sind wir zurück zum Hotel gegangen, wo wir noch mit einigen Studenten Zeit verbracht haben. Wir genossen die neuen Freundschaften und den interkulturellen Austausch.

Freitag 10.05.2019

Am Freitagmorgen fuhren wir zur Vogelstation Holzan. Auf dem Weg dorthin wurden uns interessante Fakten über die Stadt und über verschiedene Denkmäler erzählt. Außerdem erfuhren wir etwas über Deutsche die hier in Jekaterinburg wirkten.
Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt ohne Klimaanlage, kamen wir endlich am Zentrum für Rehabilitation von Raubvögeln an. Es war sehr interessant und spannend die verschiedenen Raubvögel zu betrachten. Unser Tourguide erzählte uns kurz und knapp die wichtigsten Dinge über die Tiere. Neben seltenen Raubvögeln wie Steinadlern, Aasgeiern, Schneeeulen und Fischadlern, konnten wir auch Wölfe und Rehe beobachten. Diese eigentlich scheuen Tiere aus der Nähe zu sehen war einfach atemberaubend. Zwei süße Huskys dürften wir auch noch streicheln.
Nach einer kurzen Teepause, mit Kuchen und süßem Gebäck, ging unser Ausflug langsam dem Ende zu. Zum Schluss zeigte man uns, wie man einen Falken zur Jagd dressiert. Der Falke war sehr sehr schnell und ist einmal haarscharf an Herr Lenz vorbeigeflogen.
Auf dem Rückweg funktionierte die Klimaanlage plötzlich und es war erträglicher als auf der Hinfahrt.
Im Hotel machten wir uns dann alle für das Ballett Schwanensee schick. Es war wirklich sehr schön und spannend und hat unseren Kulturhorizont um einiges erweitert.

Samstag 11.05.2019

Wir haben gutes Wetter im Gepäck. Seit wir in Jekaterinburg sind, flüstert die Sonne in regelmäßigem Abstand „… wo hast du nur deine kurze Hose gelassen, Reisender“. Ein guter Grund mehr für Euch, liebe Uracher, sich auf unsere baldige Rückkehr zu freuen. Denn wir bringen die Sonne wieder mit. Versprochen 😉. Doch bevor wir unsere Reise dem Ende neigen lassen, gilt es zunächst das Studienprojekt zu einem Ergebnis zu bringen.

Vormittag ist Arbeitszeit. Wir sitzen ab 9.00 Uhr wieder in der Universität. Teams aus russischen Studierenden und deutschen Schülern lassen ihre Eindrücke der vergangenen Woche revuepassieren, tragen die gesammelten Fakten und Ergebnisse zusammen und bereiten sich auf die Abschlusspräsentationen vor. Es ist viel passiert während unserem Aufenthalt hier. Das Projektthema „Mensch und Landschaft“ war buchstäblich Programm. Von Vorträgen von Goldschürfern im Ural über Einblicke in die hiesige Metallproduktion bis hin zum russischen Staatsballett arbeiten wir nun all das Neue auf. Das braucht Zeit. Zeit bis zum späten Mittag.

Es ist etwa 14.00 Uhr, als sich die Bänke des Seminarraums füllen. Die letzten Notizen werden gerichtet als Studierende verschiedener Jahrgänge hereintröpfeln und sich der gesamte Lehrstuhl für Deutschdidaktik einfindet. Der Raum ist voll.

In rund einer Stunde, erhält das Austauschprojekt durch die gelungenen Präsentationen einen würdigen Abschluss, der schließlich in offiziellen Teilnahmeurkunden der „Ural State Padagogical University of Ekaterinburg“ gipfelt.

Der Erfolg kann sich sehen lassen und darf wahrlich gefeiert werden. Den Nachmittag lassen wir bei einem gemeinsamen Grillfest mit Sonnenbad, Ballspiel und heiterer Gelassenheit bis in den Abend ausklingen. Eine Mischung aus formellen Bildungsangeboten und individueller Neugierbefriedigung, aus internationaler Kulturschule und Unterhaltung wie auch aus informellem Sprachtraining und gelöster Freundschaftspflege laden uns ein, schwärmend auf die vergangenen Tage zurückzublicken.