Die Georg-Goldstein-Schule in Odessa

Mit dem Land leben.

Bessarabien und die Alb-Landschaft bei Bad Urach.

Ein Vergleich

11.-19.05.2018

Den Projektplan finden sie hier. In den nächsten Tagen entsteht auf dieser Seite der Reiseblog

6. Juni 2018 – Kick-off

Heute fand die erste Vorbesprechung des Ukraine Projekt 2018 statt.
Erstmals wurde das Treffen in Stuttgart direkt im Haus des Bessarabiendeutschen Verein e.v abgehalten.
Einige ehemalige Teilnehmer und das neue Team nahmen daran teil. Günther Vosseler erzählte in einem lebhaften Vortrag die Geschichte Bessarabiens.
Eindrücklich erlebten die Schülerinnen und Schüler, wie regional diese Geschichte das Ermstal und Baden-Württemberg betrifft.
Ergänzt durch den Besuch im hauseigenen Museum des Vereins bekamen alle richtig Lust, endlich Bessarabien Haut nah zu erleben.

24. Juni 2018 – Workshop beim Bundestreffen

Die ehemaligen Teilnehmer des Ukraine Projekts 2017 haben heute einen starken Workshop durchgeführt. Vor rund 80 Gästen aus ganz Deutschland wurde über die Erfahrungen und Eindrücke aus dem Projekt 2017 berichtet. Für die im Zerfall befindlichen Dörfer wie Hoffnungsfeld und Wittenberg wurden Lösungsansätze präsentiert.
Viel Lob und Dank drückten die Schüler auch dem Bessarabiendeutschen Verein aus, der dieses völker- und generationsübergreifende Forschungsprojekt finanziell unterstützt.

11.07.18 Abflug

Währen viele noch tief und fest schlafen, startet das Projektteam Richtung Ukraine. Pünktlich um 6.15 Uhr ging es am Stuttgarter Flughafen los. Via Wien ging es nach Odessa, wo uns unsere ukrainischen Freunde herzlich empfingen. Unsere Unterkunft befindet sich in einem alten Stadthaus im Zentrum. Der Stadtrundgang führte uns dann zum evangelischen Gemeindezentrum St. Paul: Eine Kirche mit Geschichte; sie ist mit modernen Fresken geschmückt. Unter der Leitung von Prof. Prigarin und Elena Meshnykova führten Studenten aus Odessa und Ismail mit kleinen Präsentationen ins Thema der Studienreise ein: Das Verhältnis von Landschaft und Mensch. Wir waren nun voll auf das Thema eingestimmt. Eine besondere Bedeutung fällt auf den Umgang mit Wasser.
Der Abend wird eingeläutet mit einem gemeinsamen Abendessen auf der Dachterrasse St. Paul mit herrlichem Blick über die Stadt.

12.07.18 Reisetag nach Nadeschdovka

Heute reisen wir in den Süden Bessarabiens nach Nadeschdovka, wo wir die Feldstudien durchführen. Bevor wir in die 4-stündige Busfahrt bei 35°C im nicht klimatisierten Kleinbus starten, nutzen wir ein kleines Zeitfenster zum
Baden im Schwarzen Meer am Strand von Odessa.

 

Hier ein Bericht von unseren ukrainischen Austauschpartnern:

Herzlich willkommen!

Und war der erste Tag…

Wieder ein wunderschönes Treffen!!! Seit drei Jahren findet ein Jugendbegegnungsprojekt mit den Schülern aus Deutschland und Studierenden aus der Ukraine statt, das schon von allen Teilnehmern beliebt ist. Am 11. Juli startete der erste Teil des Projekts unter dem Namen “Das Verhältnis von Landschaft und Mensch “ in Odessa. 8 Jugendliche aus der Georg-Goldstein-Schule, ihre begleitenden Lehrer: Oberstudiendirektor Dr. Daniel Wesely und Oberstudienrat Martin Salzer und natürlich “ der Vater” des Projekts- Bundesvorsitzender des Bessarabiendeutscher Vereins e. V., Stuttgart Günther Vossler wurden am Flughafen von Odessa von den ukrainischen Studenten herzlich begrüßt. Der erste Tag ist immer dem Kennenlernen gewidmet, denn ein der Ziel des Projekts ist auch Kooperationpartnerschaft, Freundschaft und, was besonders wichtig ist, Austauschmöglichkeit. Weitere Ziele im Rahmen vom aktuellen Projekt sind: Geschichte der Deutschen, die früher in Bessarabien gelebt haben , kennenlernen, Zusammenwirken von Landschaft und Mensch erforschen, historische Traditionen des Verhältnisses zu Natur, lokale Landwirtschaft und Bewässerung untersuchen.
Nach der kurzen Stadtführung von der Koordinatorin des Projekts Elena Menshykova versammelten sich alle Teilnehmer in der St. Paulskirche für die offizielle Eröffnung. Im Konferenzraum wurden einige Präsentationen dargestellt, die von den ukrainischen Studierenden vorbereitet und den erforschenden Themen gewidmet waren. Durch diese Präsentationen bekamen die deutschen Jugendlichen Vorstellungen über die bessarabischen Landschaften, Wasserlandschaft und deren linguistischen Wiederspiegelungen.
Der Abend war aber nicht zu Ende. Die ukrainische Seite bereitete eine kulinarische Überraschung für Ihre Gäste vor, die niemand kalt ließ. Es waren viele bessarabische Spezialitäten von Studenten selbst zubereitet, die sehr lecker und außergewöhnlich waren. Der Tisch wurde mit jüdischen Fischgerichten und bulgarischen Teigspeisen, mit ukrainischen Pfannkuchen und moldauschen Gemüsesalaten gedeckt. So bunt und traditionsvoll wurde die Bessarabische kulinarische Landschaft vorgestellt!!!
Am zweiten Tag war die Abfahrt nach Nadeschdovka, wo die Teilnehmer ihre Forschungen anfangen werden. Vor dieser Reise hatten die Gäste eine schöne Möglichkeit den Strand zu genießen und den Hafen zu erleben. Aber nicht alle badeten im herrlich warmen, Schwarzen Meer. Einige tranken erfrischende Getränke in gemütlichen Cafés, die die Küste schmücken, und beobachteten den ruhigen Meeresspiegel.
Jeden Tag erforschen die jungen Leute diese prachtvolle Region und wir erzählen gern über ihre Erfolge!

Verfasst von Liudmila Luzanova
Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität Ismail
Fakultät für Fremdsprachen

13.07 Bessarabiens Venedig
Heute ging die Fahrt nach Wilkovo, eine Stadt mit heute 10.000 Einwohnern, die nicht nur ein Straßennetz, sondern zusätzlich schmale Kanäle als Verkehrswege hat. Die Häuser im ursprünglichen Siedlungsgebiet bestehen aus Schilfgeflecht, das mit Lehm verdichtet ist. Diese Bauweise ist auch aus dem Schwäbischen bekannt.
Sie sind von Wein umrankt und Pfirsichbäume tragen reiche Früchte. Dieses Städtchen ist auch aufgrund seiner Glaubensgemeinde etwas Besonderes. Hier hielt sich über die Sowjetzeit eine starke altorthodoxe Gemeinde. Sie nennen sich Lipovaner. Eine ganz ursprüngliche Niederlassung dieser altgläubigen Einwohner trafen wir auf einer der vielen Inseln im riesigen Donaudelta. Mit zwei kleinen Booten fuhr unsere Expeditionsgruppe eine dieser Inseln an.
Hinter Schilf und Wasserweiden verbargen sich Wein und Obstplantagen mit liebevoll eingerichteten Gartenhäuschen.
Das Boot legte an einem Steg an und wir bezogen ein Häuschen. Dort bereiteten wir die traditionelle regionale Spezialität unter der Regie unserer ukrainischen Freunde auf offenem Feuer zu: die Fischsuppe „Uchaa“.
Ein Bad in der Donau erfrischte uns an diesem heiß-feuchten Tag.
Ein ereignisreicher Tag klingt aus. Wir fuhren dem Sonnenuntergang nach Hause entgegen.

14.7. Die Arbeit geht los…
Eigentlich war der Tag ganz entspannt mit einem Frühstück um 8.30 Uhr geplant. Ein herrlich gedeckter Tisch im Speisesaal erwartete uns, frisches Obst, regionale Spezialitäten und Gebäck. Sofort nach dem Essen wurden wir in den Konferenzsaal zum Interview des hiesigen Weinbaubetriebs geladen. Seine Anbaufläche beträgt 1000 Hektar. Herr Ignat Bratinov erzählte uns, wie aus dem einst staatlichen Sovchosenbetrieb eine private Aktiengesellschaft wurde, wie mit List und Tücke die dazu nötigen finanziellen Mittel beschafft worden sind.
Er betonte, dass dieser Betrieb der wichtigste Arbeitgeber in der Region sei und gesellschaftliche und soziale Verpflichtungen wahrnehme: Schulbau, Strassenbau, Wasserversorgung. Er beschäftige ganzjährig 250 Mitarbeiter und saisonal kommen bis über 800 Mitarbeiter dazu. Bei der Besichtigung der riesigen Anbauflächen fiel ein besonderes Augenmerk auf die Bewässerungstechnik, denn Bessarabien ist eigentlich ein trockenes Steppenland , dass nur durch die angrenzenden Flüsse Donau und Dnjepr die nötige Wasserversorgung für solch intensive Agrarwirtschaft erhalten kann.

Am Nachmittag schwärmten die gemischten Arbeitsgruppen aus, um in zwei bis vier Haushalten Interviews zu führen. Die Themen waren von Prof. Prigarin vorformuliert und drehten sich um Lebensqualität, Wasserversorgung und Zukunftsaussichten im Dorf. Es war interessant, am Abend zu hören, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen beschrieben wurden. Gemeinsam jedoch war eine große Zufriedenheit mit dem Leben im Dorf Nadeschdovka. Die Sichtweise des Vorstands der Weinbau AG Herr Ignat Bratinov wurde nicht ganz von den interviewten Einwohnern geteilt: „Im Vergleich zur Zeit des Sovchosen Betriebs habe sich soviel nicht geändert“. Heute Abend, wenn dieser Bericht auf Ihrem Bildschirm erscheint, sind wir im örtlichen Jugendclub.

15.07. Interview in Krasnoje

Waren Sie in Paris? Wir schon ja!

Der vierte Tag unserer Reise begann mit dem Abschied von dem sehr gastfreundlichen Dorf Nadeschdovka (Hoffnungsfeld). Die Morgensonne lächelte uns zu und versprach neue spannende Abenteuer. Wieder diese endlosen Felder, bunte Wiesen voll von Kräuterblumen und ihr herber Geruch flogen vorbei.
Unsere erste Haltestelle war in Tatarbunary. Hier konnten die deutschen Schüler den traditionellen bessarabischen Markt kennenlernen. Auf solchen Märkten sind tausende Güter nicht nur Saisonslebensmittel, sondern auch Industriewaren vorgestellt. Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, Getreide und Milchprodukte sahen wie ein bunter Teppich aus.
Noch ein besonderer Platz gibt es in Tatarbunary. Günther Vossler erinnerte sich an die Erzählung seines Vaters über eine Wasserquelle, die für diese Region von großer Bedeutung war. Dieser Brunnen hat den Tuchbetrieb, der viel Wasser für seine Erzeugung brauchte, versorgt. Auch die Einwohner der nahegelegenen Dörfer entnahmen dort das Trinkwasser, dass durchsichtig und sehr rein war. Heute ist diese Quelle nicht so groß wie früher und ringsum kann man Plastikflaschen ansehen, aber das Wasser bleibt klar und lockt die Kinder bei dem heißen Wetter.
Weiter führt der Weg unsere Gruppe nach Paris! Dieses Dorf sowie dreizehn andere haben ihren Namen noch 1817 im Oktober laut der Erlaß von dem Zar Alexander der 1. bekommen. Paris, Borodino, Krasnoje,Leipzig, Klöstiz, Malojaroslawetz, Teplitz, Arzis und Beresina waren die ersten deutschen Kolonien, die sogenannte Gedächtnisnamen zum Gedenken an die Orte und Schlachtfelder, auf denen russische Heere oder ihre Verbündeten die napoleonischen Truppen geschlagen hatten, bekamen.
Nächste Station und nächste angenehme Überraschung: die Gruppe wurde vom Chor, der so wunderbar die Hymne von Bessarabiendeutschen sang, vor dem Denkmal der deutschen Kolonisten in Krasnoje empfangen. Im Dorf wurde das Heimatmuseum in der Schule gegründet, wo das Leben der deutschen Kolonisten beschrieben ist. Alte Fotos, Kleidung, Gegenstände und Geräte des Altagsleben von den Kolonisten gaben eine gute Vorstellung über damaliges Leben in Bessarsbien.
Nach dem Mittagessen begaben sich vier Gruppen zu Exklusivinterviews zu den Einheimischen. Die Fragen der Teilnehmer waren mit der Bewässerung und Wasserversorgung verbunden. Die Menschen erzählten, wie die Verwaltungstrukturen ihnen beim Aufbau der Wasserleitung helfen, wie aus ehemals sowjetischen Sowchosen große und kleine Privatbetriebe wurden. Viele Befragten erklärten, wie Landschaftsschutz und Müllentsorgung in ihren Dörfern durchgeführt wird. Sie äußerten ihre Meinungen über die Wichtigkeit der Logistikentwicklung für die Infrastruktur und Tourismus in der Region.
Die Resultate dieser Interviews werden dann von den Gruppen als Präsentationen vorgestellt.

Verfasst von Liudmila Luzanova
Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität Ismail
Fakultät für Fremdsprachen

 

16.7. Kunst in der Steppe
Tagesziel für heute waren die Skulpturen von Frumutschika Nova, einem kleinen Ort in der Steppe. Der zirka knapp 30km von Tarutino entfernt liegt. Doch bis dahin haben wir sehr viel erlebt. Allein die Fahrt war mehr eine Safari als ein Transfer. Von unseren Fahrzeugen und Fahrern wurde alles abverlangt, um die staubige Schlaglochpiste zu überwinden. Erster Halt waren zwei Dörfer, in denen wir je ein Interview mit Bewohnern durchführten. Das eine Interview hat alle Beteiligen sehr bewegt: mit Natalia, 87 Jahre. Ihre Erzählung spiegelte das schwere, schicksalhafte Leben einer deutschstämmigen Frau Bessarabiens in den Wirren des 20. Jahrhunderts: Krieg, Verfolgung Vertreibung. Sie sah Kinder und Familie sterben unter grausamsten Bedingungen. Sie lebt heute in Bessarabien in einem einfachen Bauernhaus.
Die Zuhörer waren sehr von ihren Schilderungen ergriffen. Sie erzählte ihr Leben in dem breiten Schwäbisch der Bessarbiendeutschen. Das brachte uns ihr Schicksal noch näher.
Unser Weg führte uns dann weiter über die Höhenzüge der Steppe. Kein Meer von Sonnenblumen mehr, keine endlosen Stoppelfelder, sondern blühende Steppe soweit das Auge reicht. In einem Tal nun befand sich der Ort Frumutschika Nova bestehnd aus großen Schafsställen und einer leuchtend blau-goldenen Kirche und einem Häuserensemble verschiedener Haustypen der Region. Aber die Besonderheit dieses Ortes ist, dass auf freier Flur dutzende, vielleicht auch hunderte, historische und moderne Skulpturen verstreut stehen. Unter der Aufsicht eines riesigen steinernen Schäfers (ca. 15m Höhe) weiden Schafe aus Stein, stehen moderne Kunstobjekte und eine Sammlung von Betonbüsten aus Sowjetzeit. Jegliche Variation von Lenin, Marx und Stalin, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgedient hatten.
Die Heimfahrt glich wieder einem Fahrgeschäft.

17.7. Pressekonferenz

Am Vormittag wurden die Präsentationen voll ausgefeilt. Um 14 Uhr versammelten sich alle Schüler und Dozenten im Präsentationsraum des Knabengymnasiums. Es waren der Landrat und Kommunalvertreter anwesend. Die Presse von Tarutino war auch da. Die vier Gruppen zeigten in zweisprachigen Präsentationen mit eindrucksvollen Bildern, was sie zum Thema in den letzten Tagen erlebt und gesammelt haben. Tenor aller Präsentationen war, dass die Gastfreundschaft und Offenheit der Menschen die materiell oft bedrückende Situation überstrahlte. Die Weite der Landschaft ließ keinen unberührt. Dass Wasser eine zentrale Rolle für die Lebensbedingungen darstellt, tauchte thematisch immer wieder auf: Mangel in der Steppe, häufig schlechte Trinkwasserqualität. Der Tourismusaspekt könnte allenfalls für das Donaudelta gültig gemacht werden. Die Vielschichtigkeit der Landschaft im Verhältnis zum Menschen wurde in allen Vorträgen beeindruckend dargestellt.
Soweit der formale Abschluss. Am Abend folgte der festliche Höhepunkt. Alle Teilnehmer erhielten Teilnahmezertifikate, über dem Lagefeuer brodelte eine regionaltypische Suppe. Beziehungsspiele, die auch der Festigung der Freundschaft dienten, lockerten den Abend auf. Noch gegen Morgen saß die Gruppe beim Gespräch am Lagerfeuer.

18.7. Reisetag nach Odessa

Auf einer vierstündigen Busfahrt von Tarutino nach Odessa wurde ein unvergesslicher Geburtstag für Elias gefeiert. Auf den Zentralstraßen wird nach und nach der Zustand verbessert. Um 17 Uhr waren wir zu einer weiteren Pressekonferenz ins „Haus der Bulgaren“ in Odessa eingeladen. Nach einführenden Worten von Prof. Prigarin, Dr. Wesely und Günther Vossler war der Höhepunkt die Vorstellung einer Projektarbeit. Wir sind gespannt, welche Aussagen bei der Pressekonferenz die Journalisten in ihren Bericht aufnehmen werden.

19.7. Odessa-Wien-Stuttgart

Es war ein bewegender Abschied von den ukrainischen Freunden. Die Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen in Bad Urach linderte den Abschiedsschmerz.

Ausblick: Vom 8.10.-14.10.18 findet der zweite Teil der Feldstudie in Bad Urach statt.