Studienreise nach Tarutino / Ukraine

12.7.-21.7.2019

„Heimat verlassen – Heimat finden“

12.7.19
Pünktlich um 5.15Uhr starten die Teilnehmer der Georg-Goldstein-Schule nach Stuttgart auf den Flughafen. Endlich soll es los gehen mit dem diesjährigen Bessarabienprojekt: „Heimat verlassen – Heimat finden“
Bedauerlicherweise hat ein Schüler erst kurz vor dem Abflug bemerkt, dass sein Reisepass abgelaufen war. Eine Einreise in die Ukraine war damit unmöglich. In einer einmaligen Aktion hat er keine Kosten und Mühen gescheut, innerhalb von wenigen Stunden einen neuen Pass zu bekommen und einen neuen Flug. Statt über Wien, nun über Instanbul nach Odessa. Herr Salzer hat in einer abenteuerlichen Weise den Transfer des Schülers von Odessa ins drei Stunden entfernte Tarutino zum Rest der Gruppe organsiert.
Nach diesem turbulenten Start der Anreise wurden wir herzlich von unseren ukrainischen Freunden in Odessa empfangen. Nach einer holprigen Fahrt nach Tarutino ließen wir dort bei gutem Essen und Lagerfeuer den Abend ausklingen.
13.07.2019
Nach einer erholsamen Nacht starten wir heute mit der Projektarbeit. Schwerpunkt ist heute, die historischen Grundlagen zu erarbeiten für das spätere szenische Spiel. Im Knabengymnasium von Tarutino hören wir den Bundesgeschäftsführer Günther Vossler und die ukrainischen Professoren zum historischen Teil. Die von Frau Seise erstellten Arbeitsblätter mit historischen Fragen zur Heimat werden vor Ort gelöst. Herr Dr. Wesely führt später in den szenischen Teil ein, in dem versucht werden soll, sich in die damalige Zeit zu versetzen, nicht nur durch Fakten sondern auch praktisch. Morgen wird dann der Theaterpädagoge Dimitri aus Ismail mit uns dieses szenische Spiel umsetzen. Wir freuen uns und sind gespannt…

14.07.2019
Endlich geht es los, nach einem erfrischenden Frühstück mit frischem Obst und gutem Kaffee starten wir die Theaterübungen. Anfangs noch etwas zögerlich, dann aber mit umso mehr Einsatz. Dimitri macht hervorragende Übungen und erleichtert uns den Rollenwechsel in die damalige Zeit, eine bessarabische Familie. Wir sind mit unseren ukrainischen Freunden im Pavillon und üben gemeinsam unsere ersten Szenen. Dann geht es auf die Bühne wo wir die Bessarabienhymne in russisch und deutsch einstudieren. In unserem Projektteam sind übrigens noch Ben, ein Radioredakteur des WDR und Ani, eine sehr begabte Mediengestalterin aus Berlin. Beide lassen hochwertige Dokumentationen von „Heimat verlassen – Heimat finden“ erwarten.

15.07.2019
Zwischenzeitlich haben sich die Temperaturen nachts sehr abgekühlt. Zum Glück kommt der dringend ersehnte Regen nur abends oder nachts. Heute fuhren wir schon um 9 Uhr nach Friedenstal. Etwa 90min Busfahrt für 10km sagen alles. Viele der deutschen Mitfahrer haben das Schaukeln des Busses unterschätzt und kämpften mit der Übelkeit. Diese verflog rasch, als wir herzlich nach bessarabischem Brauch mit Salz und frischem Brot begrüßt wurden. Im Museum des Bessarabiendeutschen Vereins sahen wir einen ehemaligen deutschen Hof inkl. seiner gut erhaltenen landwirtschaftlichen Maschinen. Beim anschließenden Mittagessen begrüßte uns der Bürgermeister.
Nach der abenteuerlichen Fahrt zurück stand ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm. Das Vermessen einer Siedlungsfläche welche jedem Kolonisten zugeteilt wurde. Mit Kompass und Schnur wurde gepeilt und vermessen, sowie die damalige Aufteilung mit Haus, Stall, Sommerküche etc. besprochen.
Den Abend ließen wir am Kaminfeuer glücklich aber erschöpft ausklingen.

16.Juli 2019
Unsere Projektgruppe, die Landschaft und das Projektthema wachsen immer mehr zusammen. Während im Pavillon noch am Theatertext und an Regieideen gearbeitet wird, steht die Schauspielertruppe auf der Bühne. Das Stück ist noch warm von den Autoren, wenn es auf den Bretten mit großer Begeisterung umgesetzt wird. Aus Studenten aus Odessa und Ismail, aus Schülern aus Bad Urach wurden schwäbische Auswanderer, moldawische Hirten und bulgarische Bauern. Unter der der Leitung von Dimitri, einem mitreißenden Theaterpädagogen aus Ismail gelingt es, dass die Geschichte für eine kurze Zeit auch die Geschichte von uns wird. Es entsteht etwas Gemeinsames, an dem jeder mit Herz und Einsatz beteiligt ist.

17.Juli 2019
Heute starteten wir schon früh um 6:30 Uhr Richtung Süden nach Ismail. Dort wurden wir im Ethnografischen Museum erwartet. Dort wurde ein Festival der Deutschen Kultur gefeiert. Es war ein buntes Treffen aus den verschiedensten Musik- und Tanzgruppen. Auch wir sangen das Heimatlied aus Bessarabien auf der Bühne und ernteten riesigen Beifall. Nach unserem Auftritt führte uns Liudmilla Luzanov, welche in Ismail wohnt und unser Projekt begleitet, durch die wunderschöne Stadt. Wir besuchten auch den Donaustrand, an dem die Auswanderer aus Ulm in ihren Booten, den sogenannten „Ulmer Schachteln“ ankamen. Am anderen Ufer der Donau beginnt Rumänien. Der erlebnisreiche Tag endet wieder mit einer knapp vierstündigen Fahrt mit dem Bus über die Steppe zurück nach Tarutino.

18. Juli 2019
Heute ist endlich der große Tag mit der Uraufführung im Kulturhaus von Tarutino. Die Presse hatte schon lange angekündigt, dass um 16 Uhr unsere Aufführung über die Auswandererfamilien nach Bessarabien beginnt. Das spornte uns noch mehr an, die Texte zu lernen und unsere Rollen mit Emotionen auf der Bühne darzustellen. Wir haben nur kurz zu Mittag gegessen und ansonsten das Theaterstück geprobt, was bei jedem Durchgang noch mehr Spaß machte.
Im Publikum saßen bekannte Personen aus der Region wie Herr Alexander Tasamasis, der Landrat, oder Svetlana Krug vom Bessarabiendeutschen Haus in Tarutino. Nach Grußworten durch Günther Vossler und Dr. Daniel Wesely umrahmte die Tanzgruppe aus Tarutino unser Theaterstück mit verschiedenen Volkstänzen.
Wir begannen unser Stück mit der historischen Schilderung der Situation der Familien aus Württemberg, weiter über die Situation die sie tatsächlich in Bessarabien antrafen und wie es sich im Laufe von 20 Jahren entwickelt hat. Viele im Publikum, die die Geschichte bisher nur aus Büchern und Erzählungen kannten, waren sehr ergriffen, wie die Schüler und Studenten die Geschichte zur Wirklichkeit werden ließen und bedankten sich mit Dankesworten und tosendem Beifall.

19. Jul. 2019
Nach einer herrlichen Sommernacht am Lagerfeuer heißt es heute Kofferpacken. Wir verlassen unser geliebtes Tarutino in Richtung Odessa. Eine vier Stunden lange abenteuerliche Busfahrt ließ uns gegen 15 Uhr in Odessa in unserer Jugendherberge ankommen. Die Strapazen der Busfahrt waren schnell vergessen nach dem ersten Erkunden der Stadt. Heute Abend stand nach einem historischen Vortrag von Prof. Prigarin zum Thema Bessarabien ein Ausflug in die Katakomben der Stadt an. Die historisch einmaligen Kellergewölbe, die sich tief unter der Stadt erstrecken, beeindruckten uns sehr.

Gegenbesuch im September 2019

Im Rahmen des Projektes „Heimat finden – Heimat verlassen“ reisten am 15.09.2019 sieben Studenten aus Odessa und Ismail mit ihren Dozenten nach Bad Urach, um sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Auf dem Weg vom Flughafen in Memmingen nach Bad Urach legte die Gruppe einen Zwischenstopp in Ulm ein. Hier besuchten die Studenten die Stadt Ulm mit ihrem bekannten Münster und lernten auch die “Ulmer Schachteln“ kennen. Denn genau mit solchen, nahezu 30 Meter langen, Booten gelangten die Auswanderer von 1804 bis 1818 über Wien donauabwärts nach Bessarabien. Das Ulmer Münster, das als die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt gilt, bot sich an, um die herrliche Aussicht über die Stadt zu genießen.

Am 16.09.2019 führte Tengiz Dalalishvili als Referent von der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) das Planspiel Europoly durch. Die Projektteilnehmer befassten sich hierbei unter anderem mit den Fragen, woher das Wort Europa kommt, weshalb 12 Sterne auf der Flagge abgebildet sind, wie das Motto der EU lautet und wie viele Sprachen in der EU gesprochen werden. Darüber hinaus diskutierten die Projektteilnehmer über folgendes: Was ist Europa für mich persönlich? Wo war ich letztes Mal im Urlaub in Europa? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede konnte ich persönlich wahrnehmen? Wie stelle ich mir die Zukunft Europas vor? Wie ist die EU-Nachbarschaftspolitik, nicht geographisch, sondern politisch gesehen? Die Schüler und Studenten haben nicht nur ihre geographischen Kenntnisse unter Beweis gestellt, sondern auch einen wichtigen Grundsatz beherzigt: „Wenn wir in der Demokratie einschlafen, wachen wir in der Diktatur auf!“ Dieser war unter anderem die Quintessenz des Planspiels. Summa summarum war das Planspiel konkret, kurz und kurzweilig!

In einer Ausstellung am 17.09.2019 im Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart zeigte Frau Dr. Gritschke zahlreiche Objekte und regionalhistorische Bezüge zu Migration. In einer Führung zum Thema Migrationsgeschichte erhielten die Schüler und Studenten mehr Einblick über die Aus- und Einwanderung in Baden Württemberg. Flucht und Vertreibung nach 1945 spielten in der Ausstellung in unterschiedlichen Bereichen eine wichtige Rolle. Durch unterschiedliche Quellenmaterialien nahm die Museumsführerin auch die Gegenwart interaktiv in den Blick. Fundiert, fokussiert und fein war es im Haus der Geschichte!

Im weiteren Verlauf des Projekts (18.09.2019) standen Migration und Frieden auf dem Plan. Hautnah konnten sich die Schüler mit der Frage „Was ist kein Krieg für mich?“ auseinandersetzen. Unter anderem tasteten sich die Teilnehmer des Projekts an Johan Galtungs Begriff des Friedens heran. Frieden ist ein Prozess, der jeden Tag durchlaufen werden muss. Wenn die Gewalt abnimmt und die Gerechtigkeit zunimmt, dann nähern wir uns dem Frieden.
Zu guter Letzt hatten die Studenten eine kreative Aufgabe zu lösen. In Bad Urach ist eine EXPO 2019 geplant und die Teilnehmende sollen zur Migration eine Statue präsentieren. Eine der Statuen stellte dar, dass eine Deutsche einer Ukrainerin begegnet und andere dazu einlädt. Die Deutschen und Ukrainer unterstützen sich mit den Händen gegenseitig. Die Überschrift „Migration verbindet und bereichert“ macht es noch deutlicher! Der thematisierte Vormittag war solide, sorgfältig und einfach klasse durchgeführt!

Am 18. September 2019 führten die Projektteilnehmer Interviews zur Migrationsgeschichte mit Aussiedlern durch, die mit Bessarabien tief verwurzelt sind. Zu den Interviews in der Georg-Goldstein-Schule kamen Frau Fano, Herr Neumann, Herr Höllwarth und Herr Schäfer.
Zu den Schwerpunkten gehörten folgende Fragen:
Aus welchen Gründen kam es zur Umsiedlung und wie verlief sie?
Was fanden sie vor Ort?
Welches Essen und welche Traditionen werden weitergeführt?
Wie zugehörig fühlen Sie sich Bessarabien heute?

Einige der Interviewpartner berichteten auch von ihrer eigenen Fluchtgeschichte im Rahmen des 2. Weltkrieges.
Die befragten Bessarabiendeutschen sind sich einig, dass die Geschichte Bessarabiens aufrechterhalten soll und an die jungen Leute herangetragen werden soll.
Am 19. September 2019 besuchte die Gruppe das Heimatmuseum der Stadt Reutlingen. Im Rahmen einer Führung durch das Museum wurde den Schülern und Studenten ein grober Überblick über die Reutlinger Stadtgeschichte und Persönlichkeiten, die in Reutlingen gewirkt hatten, gegeben.
Als Abschluss wurde der im Keller des Museums vorhandenen Luftschutzbunkers besucht und mittels Videoinstallationen die Situation der Reutlinger im zweiten Weltkrieg nachvollzogen.
Anschließend konnten die Projektteilnehmer den Zunftbrunnen, die Marienkirche und den Hoffnungsschwarm mit dessen Friedenaktion anschauen.

Am 20. September 2019 präsentierten die Projektteilnehmer ganz stolz ihre Ergebnisse des gesamten Projekts „Heimat verlassen – Heimat finden“ vor den Klassen des Wirtschaftsgymnasiums. Sie berichteten, wie sich auf das Theaterstück eingelassen haben und wie die Stimmübungen mit dem Theaterpädagogen verliefen. Es bereitete den Schülern und Studenten viel Freude verkleidet auf der Bühne zu stehen und gefühlvoll in die damalige Zeit einzutauchen. Sie teilten die Schicksale der echten Zeitzeugen der Umsiedlung mit, mit welchen undenkbaren Strapazen sie umgehen mussten. Das Highlight der Präsentation stellte ein kurzer Film des Theaterstücks dar, welches den Akteuren enorm viel Applaus seitens des Schulleitungsteams, Günther Vossler und allen Anwesenden einbrachte. Es war ein atemberaubendes Projekt ohnegleichen.

Am Samstag, den 21.09.2019 verbrachten die ukrainischen Studierenden Zeit in den deutschen Familien und konnten bei der Zubereitung deutscher Spezialitäten wie z.B. Spätzle und Braten mithelfen und diese gemeinsam mit den deutschen Schülern verkosten. Jede Familie gestaltete den freien Tag individuell.

Am 22.09.2019 reiste die Gruppe voller Eindrücke und neuer Erlebnisse ab. Die Teilnehmer gewannen einen demokratischen Mehrwert den Frieden zu gestalten und das Bewusstsein, wie wichtig die Vergangenheit ist. Dieses Austauschprojekt gab den jungen Leuten die einmalige Gelegenheit, sich dem Thema „Heimat“ zu widmen. Neue Freundschaften konnten geknüpft werden und Deutschkenntnisse konnten vertieft werden.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit des Textes wird ausschließlich die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich selbstverständlich auf Personen beiderlei Geschlechts.

 

Heimat verlassen – Heimat finden | Ukraineaustausch 2019 – YouTube